Migration: Aus Sri Lanka nach Deutschland
Für meine Familie und mich hat sich sehr viel
verändert. Meine Eltern haben viel riskiert und dabei haben sie sehr
viel verloren, was sie liebten, wie ihre Familie, ihre Freunde und ihre
Geschäfte. Sie haben ihre Kindheit in Sri Lanka verbracht und dort
bis zu ihrem 23. bzw. 27. Lebensjahr gelebt. Der Krieg fing 1972 an, und
bis heute herrscht dort Krieg. Es war und ist ein Krieg zwischen den Singhalesen
und den Tamilen. Die Singhalesen wollen das ganze Land beherrschen; die
Tamilen versuchen, einen Staat für sich zu gewinnen. Die Tamilen
wollen im Grunde genommen nur Frieden.
Da meine Eltern in Jaffna [Stadt in Sri Lanka] lebten
und dort Krieg herrschte, flüchteten meine Eltern, mein Bruder und
ich. Wir nahmen Abschied von unserer Familie. Damals war mein Bruder zwei
Jahre und ich zwei Monate alt. Wir haben überlegt, nach Indien zu
gehen, doch dann sind wir doch nach Deutschland gekommen. Damals, im Jahr
1980, kamen die ersten Tamilen hierher. Viele von ihnen, die in dieser
Stadt lebten, wollten nach Kanada. Wir haben es auch überlegt, aber
wir blieben doch hier. Hier lernten wir Freunde kennen. Es leben ungefähr
60 tamilische Familien in dieser Stadt.
Meine Eltern wollen wieder zurück nach Sri Lanka.
Sie vermissen ihre Familie. Wir Kinder wollen auch unsere Familien kennen
lernen. Mein kleiner Bruder, der hier geboren ist, und ich haben unsere
Großeltern noch nie gesehen. Meine Großväter starben,
als meine Eltern noch jung waren. Meines Vaters Mutter starb, als sie
78 Jahre alt war. Mein größerer Bruder hatte das Glück,
Oma kennen zu lernen. Wir haben immer telefoniert. Wir sprachen darüber,
dass wir sie mal besuchen kommen, doch jetzt ist es zu spät. Ich
habe noch eine Großmutter, wir oder zumindest ich will nicht den
gleichen Fehler machen. Wir werden sie, bevor sie uns verlässt, noch
besuchen; das habe ich mir fest vorgenommen, als meine andere Oma starb,
und ich möchte es auch gerne erfüllen.
Natürlich haben wir auch andere Verwandte, die
wir schrecklich vermissen. Doch meine Eltern vermissen nicht nur dies,
sondern auch ihre Hobbies oder auch berufliche Tätigkeiten, was sie
gelernt haben. Mein Vater lernte Wirtschaftswissenschaften, meine Mutter
Musik. Sie unterrichtete ihre Nichten in Musik. Mutter wollte mir das
auch beibringen, aber ich bin nicht der Typ dafür.
Natürlich gibt es viele Menschen, die dunkelhäutige
Menschen nicht leiden können. Als mein Vater noch fest arbeitete
und auf dem Weg zur Arbeit war, schlugen sie meinen Vater nieder. Dabei
wurde sein Finger gebrochen. Oder vor kurzem ist es mir auch passiert,
dass mich einer beschimpfte. Manchmal höre ich nicht hin, doch es
ist schon schlimm, wenn einer mich beschimpft und wenn ich nichts getan
oder gesagt habe.
Meine Eltern wollen, dass ich gut in der Schule bin.
Mein Vater meint, nachdem ich mein Abitur fertig habe, soll ich woanders
weiter lernen, in Kanada oder in England. Ich kann es mir gut vorstellen,
doch erst einmal muss ich das Abitur schaffen; danach überlege ich,
was ich machen möchte. Bis dahin habe ich noch viel Zeit. Da ich
viele Verwandte in verschiedenen Ländern habe, kann ich es mir sehr
gut vorstellen.
|