|
Die Arbeiterfrage
Wie konnten die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter verbessert werden,
und wie erreichte die Arbeiterschaft, dass sie gleichberechtigt in Staat und
Gesellschaft über das, was alle anging, mitbestimmen konnte?
Wer war Karl Marx?
Karl Marx wurde als Sohn eines Rechtsanwalts 1818 in Trier geboren. Er
studierte in Berlin Philosophie und Geschichte, wurde Journalist und leitete
eine liberale Zeitung in Köln. Wegen eines staatsfeindlichen Artikels
erhielt er von der preußischen Regierung Schreibverbot. Er emigrierte
1843 zunächst nach Paris, dann nach Brüssel, wo er 1848 mit Friedrich
Engels zusammen das Kommunistische Manifest verfasste. Schließlich ging
er nach London, wo er bis zu seinem Tode in meist ärmlichen
Verhältnissen lebte. In London schrieb er sein Hauptwerk "Das
Kapital". Marx forschte nach den Ursachen des sozialen Wandels, den er in
seiner Zeit erlebte. Er sah, dass die wachsende Industrie dazu führte,
dass die Menschen nicht mehr über das Hergestellte verfügen. Die
Arbeiter erhalten für gute Arbeit nur einen kargen Lohn. Dazu schrieb
Marx: "In Manufakturen bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in einer
Fabrik dient er der Maschine." Das konnte man seiner Meinung nach nur
dadurch ändern, dass die Arbeiter die Produktionsmittel selbst in Besitz
nahmen, also Maschinen, Fabriken, Grundbesitz, um gemeinsam die Güter
herzustellen, die sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse brauchten.
|
Karl Marx
|
Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Der Aufstieg des Bürgertums, der Bourgeoisie, hatte die Arbeiter zu
Proletariern gemacht, meinte Marx.
Zur Bourgeoisie gehören alle, die über Geld, also Kapital
verfügen. Ihnen gehören meistens die Fabriken. Proletarier sind alle,
die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft. Um sich ihren Lebensunterhalt zu
verdienen, müssen sie für die Kapitalisten, die Bourgeoisie,
arbeiten. Marx meint, die Kapitalisten würden immer reicher, weil sie
durch die Arbeit der Proletarier immer mehr Geld anhäufen könnten.
Wenn die Kapitalisten mehr Waren herstellen lassen, als die Bevölkerung
kaufen kann, kommt es zu einer Überproduktionskrise. Diese Krisen werden
immer häufiger. Sie zwingen die Kapitalisten dazu, die Löhne zu
senken und Arbeiter zu entlassen; dadurch verarmen die Proletarier noch mehr.
Am Ende, so Marx, erheben sich die Arbeiter und vertreiben die Kapitalisten.
Nach ihrem Sieg verfügen die Arbeiter über die Produktionsmittel und
die alleinige Macht im Staat. Das ist dann die Diktatur des Proletariats.
Arbeiterfrage und Kirche
Papst Leo XII meinte 1848, die Kirche müsse die Reichen und die Armen
wieder ersöhnen. Das erreiche man nur, wenn die arbeitenden Stände
ihre Pflichten erfüllten und gleichzeitig die Arbeitgeber die Arbeiter als
gleichberechtigt behandelten und sie nicht ausbeuteten.
Die Kirche kümmerte sich immer um die Fürsorge für die Armen.
1848 setzte sich Bischof Emanuel von Ketteler für die Arbeiter ein. Adolf
Kolping gründete Vereine, die die katholischen Gesellen schützten. Er
baute Häuser in vielen Städten, sogenannte
"Kolpinghäuser". In diesen Häusern sollten sie sich
weiterbilden und ihre Freizeit sinnvoll verbringen. Evangelische Heime leitete
Heinrich Wichern in Hamburg. Pastor Bodelschwingh schuf in Bethel eine
Pflegestelle für Nervenkranke und Schwerbehinderte.
Aus diesen Ansätzen entwickelten sich in der katholischen Kirche die
"Caritas" und auf evangelischer Seite die "Diakonie" und
die "Innere Mission".
Stellungnahmen von Unternehmern
Die Unternehmer hatten nicht immer den Grundsatz: "Jeder ist für sich
selbst verantwortlich und soll sich selbst vor Schicksalsschlägen wie
Krankheit, Unfall oder Invalidität schützen." Einige Unternehmer
sahen ein, dass die Arbeiter zu wenig Geld verdienten, um diese Vorsorge zu
treffen. Sie versuchten die Lebensbedingungen zu verbessern.
Manche Firmen wollten die Arbeiter am Gewinn der Firma zu beteiligen und
gründeten deshalb Pensionskassen. Die staatlichen Krankengelder reichten
meist kaum zur Existenzsicherung. Einige Werke zahlten daher zusätzliche
Unterstützungen. Diese wurden aber nur bei Wohlverhalten der Arbeiter
bewilligt, d. h. Fleiß, Ordnung und Sauberkeit. Die ersten Kranken- und
Unterstützungskassen wurden um 1850 gegründet; sie unterstützten
empfangsberechtigte Arbeiter, allerdings nur sehr schlecht. Kein Arbeiter bekam
seine Rentenbeiträge und seine Krankenversicherungsgelder ausgezahlt, wenn
er kündigte oder entlassen wurde.
Näh- und Haushaltsschulen für fleißige Arbeiterfrauen und -
töchter bereiteten sie auf ihr späteres Leben vor. Kinder, die nicht
zur Schule gingen, wurden in "Kleinkinderbewahrungsanstalten" betreut.
Viele Unternehmer bauten Wohnungen für ihre Arbeiter. Schon 1840 hatten
die ersten Firmen ein Wohnungsangebot für Arbeiter, das deutlich besser
und billiger war als andere Unterkünfte im Ruhrgebiet. Das
Mietverhältnis war an des Arbeitsverhältnis gebunden; wer schlecht
arbeitete, wurde auch aus der Wohnung geworfen. Die Firmen erhielten so eine
Kontrolle über ihre Arbeiter.
Einige Firmen, z.B. Krupp, schufen für ihre Arbeiter hervorragende
Lebensverhältnisse und Sozialleistungen. Die Stammarbeiterschaft
profitierte von guten Unterkünften, höheren Löhnen und
zusätzlichen Geldprämien.
Zusammenschluss von Arbeitern
Nur durch einen Zusammenschluss von Arbeitern konnten ihre
Lebensverhältnisse verbessert und ihre Beschwerden erfolgreich an den
Arbeitgeber gerichtet werden, denn wenn nur ein paar Arbeiter protestierten,
wurden diese entlassen. Deshalb verbot die Regierung
zunächst diese Zusammenschlüsse; aber immer mehr Arbeiter
gründeten Vereine.
Gewerkschaften
Aus manchen Zusammenschlüssen entstanden Gewerkschaften. Seit 1871 duften
die Arbeiter in Deutschland solche Gewerkschaften bilden. Einzelne
Gewerkschaften schlossen sich zu Verbänden zusammen. 1913, vor dem ersten
Weltkrieg, waren fast 3,5 Millionen Arbeiter Mitglied in Gewerkschaften, davon
2,5 Millionen in den sogenannten "Freien Gewerkschaften", die der SPD
nahestanden. Die Gewerkschaften verhandelten mit den Arbeitgebern über
höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und bessere
Arbeitsbedingungen. Sie führten auch Streiks durch, um diese Forderungen
durchzusetzen. Die Gewerkschaftskassen unterstützten arbeitslose
Mitglieder und richteten preisgünstige Ladengeschäfte ein. So
verbesserte sich die Lage der Arbeiter durch die Hilfe der Gewerkschaften
spürbar.
|